Trekkingabenteuer in Lappland

 

Es war einst der Wohnraum der Sami, die als Nomaden den Herden ihrer Rentiere folgten. Auch heute noch ist die Rentierzucht in Norwegen und Schweden nur Angehörigen des Sami-Volkes erlaubt. Auch wenn es nur noch wenige sind und sie ihren Herden nicht mehr im Rentierschlitten folgen, sonder motorisiert mit Schneemobil und Hubschrauber.

Der Sarek Nationalpark ist der größte Nationalpark Schwedens und liegt vollständig im Gebiet der Rentierzüchter. Wer hierher kommt, ist ganz auf sich alleine gestellt und muss mit dem auskommen, was er im Rucksack bei sich hat. Es gibt keinen Straßenzugang und man kann den Sarek nur zu Fuß oder mit dem Hubschrauber erreichen. Im Park selber findet man keine Wege, keine Pfade, keine Markierungen, keine Hütten oder Verpflegungsstationen, keine Strommasten und kein Funknetz.

Nach intensiver Planung und Vorbereitung, nach drei Tagen Autofahrt durch Deutschland, Dänemark und Schweden parkten wir an einem sonnigen Augusttag unser Auto auf einem kleinen Parkplatz in Kvikkjokk. Dieser Ort hat gerade mal 20 Einwohner, liegt an einem großen See umgeben von dichten Nadelwäldern und liegt 120 km von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt. Mit einem leicht mulmigen Gefühl zogen wir unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum und trafen die letzten Vorbereitungen für unsere große Tour.

Nach Kvikkjokk läuft man zuerst einen halben Tag den Kungsleden entlang, ein Fernwanderweg der in nord-süd Richtung durch den schwedischen Fjäll führt. Hier gibt es noch richtige Pfade und Markierungen und wir treffen hin und wieder auf andere Trekker. Ein oder zweimal kommen uns Menschen entgegen, die einen intensiven „Duft“ mit sich ziehen. Ausgemergelte, ungewaschene Gestalten, mit müdem Blick und Rentiergeweihen auf dem Rucksack. „Ah – die kommen aus dem Sarek“ denken wir und wissen, in ein paar Tagen sehen wir auch so aus. Nach etwa 4 Stunden verlassen wir den Pfad und schreiten in die Wildnis hinein. Nach weiteren 4 Stunden erreichen wir die Grenze zum Nationalpark. Das erkennen wir natürlich nur auf der Karte, im Gelände deutet nichts darauf hin.

Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Am ersten Tag wandern wir durch dichten Urwald mit hohen Fichten. Der Boden ist mit Moosen, Flechten und Blaubeersträuchern bedeckt. Weiter oben kommt die Zwergbirke, kleiner als bei uns in Mitteleuropa und sehr widerstandsfähig gegen Wind und Kälte. Zwischen 600 und 800 Meter ü. M. fängt ein Gürtel aus kurzen Weidensträuchern an. Diese sind sehr dicht und verzweigt und sehr mühsam zu durchqueren. Und weil der Boden überall feucht und sumpfig ist, kommt eine Plage hinzu, der wir uns nicht entziehen können: Stechmücken. Zu tausenden schwirren sie um uns herum und nur entsprechend bekleidet und mit einem Moskitonetz über dem Kopf lässt es sich aushalten. Irgendwo finden sie aber auch das kleinste Loch und bald sieht unsere Haut an manchen Stellen aus wie ein Streuselkuchen. Doch auch diese kleinen Biester können uns die Tour nicht vermiesen. Am dritten Tag wechselt das Wetter und wir müssen erstmals durch Regen wandern. Es dauert aber nicht lange und er hört wieder auf. Jetzt wird es wechselhafter und auch kälter. Wir haben die Vegetationszone der Weidenbüsche hinter uns gelassen, die Schneefelder werden immer größer und dichter. Wir laufen dankbar darüber, weil sich hier leichter wandern lässt als über Blockfelder mit Geröll und Felsbrocken. Auch die ersten Rentierherden begleiten uns. Die Tiere sind sehr scheu und haben eine lange Fluchtdistanz. Im Sommer steigen sie wegen der Stechmücken in größere Höhen hinauf. Oft sieht man sie zu hunderten auf Schneefeldern lagern, hier gibt es gar keine Mücken.

Mit Spannung gingen wir auch unserer ersten Flussüberquerung entgegen. Auf der Karte können wir sie sehen, wie groß der Fluss aber tatsächlich ist und wieviel Wasser er trägt, sieht man erst, wenn man direkt davorsteht. Oder spannender, man hört ihn schon von weitem und denkt sich „oh Gott, was ist das für ein Monstrum?“ Dann sucht man eine Stelle, an der man sicher auf die andere Seite kommt. Das kann durchaus eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Erst das Flussufer hoch und runtergehen, eine geeignete Furt suchen, Schuhe und Hosen ausziehen und dann ins Wasser waten.

Seit mehreren Tagen sind wir niemandem mehr begegnet. Wir wandern wieder bergab und es wird wärmer. Aber auch die Stechmücken sind plötzlich wieder da. Dann öffnet der Himmel seine Schleusen und ein Regenguss geht über uns nieder wie eine lückenlose Wand aus Wasser. Innerhalb von Minuten sind wir klatschnass, keine Möglichkeit sich unterzustellen. Nach dem Regen bauen wir die Zelte auf und versuchen so gut es geht die Ausrüstung wieder trocken zu kriegen. Wir sind nur noch zwei Tage von unserem Ausgangspunk entfernt und nehmen es gelassen hin. Der nächste Tag schenkt uns noch einmal Sonnenschein und warme Temperaturen, wehmütig gehen wir nach 10 Tagen in der Wildnis dem Ende unseres Abenteuers entgegen.

All images © Rolf Binder